Bocelli, der Tenor am Isartor

Wohin geht ein italienischer Weltstar in München zum Essen?
Klar: zum Italiener

Der Nachtisch geriet zur Kostprobe. Zur akustischen. Da hob Andrea Bocelli dann doch ein wenig die Stimme, die er stets so achtsam schont, und servierte in kleiner Runde eine Strophe von  Richard Strauß: „Ja, du weißt es, teure Seele“, sang er sanft, „dass ich fern von dir mich quäle. Liebe macht die Herzen krank. Habe Dank.“

Der Tenor hatte sich in München stärken wollen für seinen Klassik-Abend in der Philharmonie im Gasteig. Auch die Restaurant-Wahl fiel klassisch aus: Der Italiener ging zum Italiener. Claro. In der „Porta Capuana“ in der Thierschstraße, Ecke Liebherrstraße, ließ Besitzer Gianni Mascia, ein Süditaliener mit gewisser Ähnlichkeit zum früheren Napoli-Star Diego Maradona, sieben grandiose Gänge bereiten für den Landsmann und dessen kleine Entourage: vom Thunfisch-Tatar über Hummerschwanz bis zur Kalbslende. Hatte Bocelli nicht einmal behauptet, auf Konzertreisen lebe er beinahe asketisch?

Immerhin, den Wein ließ der Sänger weg – was bei der Auswahl von Sommelier Carlo Franchi  tatsächlich einem harten Verzicht gleicht. Eckart Witzigmann, der ums Eck sein Büro hat, kann dies gewiss bestätigen. Der Top-Koch ist Stammgast bei Familie Mascia. Auch Witzigmann-Kollege Hans Haas (Tantris) und Helmut Dietl, der seit Rossini als Experte für italienische Restaurant gelten darf, kommen häufiger ins Restaurant nah am Isartor. Und nun also Bocelli. Seit seinem  zwölften Lebensjahr ist der 52-Jährige erblindet (nachdem ein Fußball den ohnehin schwer  augenkranken Buben am Kopf getroffen hatte). In der Porta Capuana ließ er die verspiegelte  Pilotenbrille beim Essen auf. Seine Lebensgefährtin Veronica Berti nahm für den Liebsten jede Speise in Empfang und schnitt, was zu schneiden war, ehe Bocelli mit italienischer Sicherheit alle noch so dünnen Tagliolini gekonnt auf die Gabel wickelte.

Michael Schilling, ABENDZEITUNG WOCHENENDE, 8./9.1. 2011 / NR. 5/1